Lei Lei liebe Närrinnen und Narren,

11.11. 11:11 Uhr.

Ich stehe in der Klasse und blase Luftschlangen durch die Gegend, schrei in 17 verschiedenen Tonarten „JUHUUUUUU“, und schieße den Korken einer Flasche Henkel durch das (geschlossene) Fenster. Mein Moonwalk, der diese Szenerie schön abrundet, sieht zwar aus, als entstünde er aus einer schweren Gallenkolik heraus, aber er kommt nicht von dort, sondern von Herzen.

 

Tja, sowas macht man eben an einem besonderen Zeitpunkt wie diesem.

11.11. 11:11 Uhr. Ein magisches Datum.

 

Zu diesem Zeitpunkt habe ich erfahren, dass Leonie Marie Bartusik in einen anderen Bezirk übersiedelt.

 

Jetzt wird sich der geneigte Leser wohl denken: „ Was? Der ist Lehrerin und freut sich, dass sich ein Kind aus seiner Klasse für immer verabschiedet?“

Nein, nicht das Kind. Aber die Eltern.

Leonie Marie Bartusik ist ein Pädagogenkind wie es im Buch steht. Ihre Mutter ist Volksschullehrerin, ihr Vater KMS- Lehrer. Ich glaube, es bedarf keiner weiteren Worte.

Ok, zugegeben, Pädagogenkinder sind wirklich die Ärmsten der Armen.

 

Sie dürfen einmal im Monat für eine halbe Stunde lang fernsehen, da aber nur ORF 3.

 

Pädagogenkinder müssen sich prinzipiell immer in Zweierreihe anstellen (egal ob sie Einzelkinder sind oder nicht!)

 

Und statt Poster von Justin Biber oder irgendwelchen Twilight-Bubis, haben sie Bilder an der Wand hängen, die Maria Montessori beim Federballspiel zeigen. Oder Rudolf Steiner beim Gefühle töpfern.

 

Ja ich weiß, man muss sich den Background der Kids immer vor Augen halten wenn man in der Klasse steht. Man muss sich mantraartig vorsagen „Sie sind nur ein Spiegel ihrer Eltern. Ommmmmm. Sie können nichts dafür. Ommmmmmm.“

Aber all die Mantras sind hinfällig, wenn man täglich Mitteilungshefteinträge mit wertvollen pädagogischen Tipps (natürlich nur ihr eigenes Kind betreffend) bekommt, wie z.B.: „Es wäre wünschenswert (!!!), wenn Sie mein Kind in Blickrichtung Süden setzen könnten, da sich die beiden Gehirnhälften so besser synchronisieren können.“ (Dass die Tafel im Norden hängt, ist beim Synchronisieren natürlich unerheblich.)

 

Mittlerweile haben mir Leonies Eltern sogar ein eigenes Feedbackheft gestaltet, in dem ich jedes Mal einen Stempel bekomme, wenn mein Unterricht für sie zufriedenstellend war. 3 Stempel ergeben ein Pickerl. Und ab 5 Pickerl gibt’s eine Überraschung. Ich freu mich schon auf die nächste. Beim letzten Mal war's ein Lillyfee-Dosenspitzer. Vor 3 Jahren.

 

Tja und Leonie? Die schlägt auch schon in dieselbe Kerbe. Ich habe noch niemals mit einem Kind so viel diskutiert wie mit ihr. Dagegen ist der Club 2 ein buddhistisches Schweigeritual.

 

„Leonie. Sehr schreibt man mit stummem H. Das hörst du doch!“

 

„Wie soll ich es hören wenn es stumm ist?“

 

Letztens, als ihre Eltern wieder mal vor der Klasse gestanden sind, um mir zu erklären, dass Tische und Sesseln in einer Schulklasse Feng-Schul-technisch eine Katastrophe sind, hab ich die Nerven geschmissen. Ein Wort ergab das andere, als ihr Vater plötzlich meinte: „Leonie, schau dir gut deinen Lehrer an. Das kommt dabei raus, wenn man seine Gedächtnisübungen nicht lernt.“

Mit diesem Satz haben sie mein Feedbackheft zerrissen und gemeint ich soll mich auf die stille Treppe setzen und nachdenken, was ich für einen Fehler gemacht hab.

 

Tja, da sitz ich nun und denke nach.

 

„Werden meine Frau (die ebenfalls Lehrerin ist) und ich auch so, wenn nächstes Jahr unser Kind auf die Welt kommt? Passiert das automatisch mit einem? Das Kind flutscht heraus, und ab diesem Moment mutiert man zur bevormundenden Nervensäge?“

Ich hoffe nicht. Und wenn es doch jemandem auffällt, dass ich mich in diese Richtung verändert habe, so habt ihr von mir die uneingeschränkte Erlaubnis mich so lange zu ohrfeigen, bis ich wieder bei Sinnen bin.

 

Denn so zu werden, davor habe ich die größte Angst. Noch viel mehr als vor Krieg, Terror und Fendrich-Liedern.

 

In diesem Sinne wünsche ich euch

Fröhliche Wei(h)nachterln und einen guten Rutsch ins neue Quartal der Jahresplanung

Markus

 

P.S.: Diese Kolumne ist Satire. Ich will's nur gesagt haben!

 

Markus Hauptmann ist Lehrer und Kabarettist in Wien.

www.markushauptmann.com

© 2017 by Hauptmann